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Flüchtlingshelfer bleiben am Ball

Von Christiane Weishaupt, Badische Zeitung, 30.Dezember 2017

 

Der Bad Säckinger Verein Refugees Integrated hat auch drei Jahre nach seiner Gründung genug zu tun / Aufgaben verändern sich.

 

Drei Jahre nach Gründung von Refugees Integrated ist es stiller geworden um den Flüchtlingshelferverein. Mit der sinkenden Zahl Geflüchteter haben sich die Aufgaben verändert. Wurden die Schutzsuchenden zunächst mit Kleidung und den nötigsten Dingen versorgt, geht es jetzt um Unterstützung bei der Integration.

 

Gründung 2014

Noch vor Ankunft des ersten Flüchtlings in Bad Säckingen, gründete Frank van Veen mit rund 30 Gleichgesinnten im November 2014 den Helferverein Refugees Integrated. Ursprünglich wollte der international engagierte Rechtsanwalt mit Studienabschluss in Menschenrechte den Verein nicht nur auf lokaler, sondern auch auf internationaler Ebene etablieren, daher der englische Name. Doch der Verein ist vor Ort bald stark gefordert: Immer mehr Menschen flüchten übers Mittelmeer nach Europa. Ein Jahr nach Gründung des Vereins erreicht die Flüchtlingsbewegung in November 2015 ihren Höhepunkt. In Bad Säckingen müssen bis zu 500 Schutzsuchende untergebracht und versorgt werden – ein Kraftakt für Behörden, Verwaltung und Helfer.

 

Mit dem Anschwellen der Flüchtlingszahlen gewinnt auch Refugees Integrated an Mitglieder. Verschiedene Helferkreise bilden sich. Eine große Kleiderkammer entsteht. "Unglaublich, was da gearbeitet wurde." Van Veen warnt allerdings früh vor zu viel Euphorie und davor, sich vom Einzelschicksal zu sehr berühren zu lassen. "Flüchtlingsarbeit braucht einen langen Atem", erklärt er. "Wer zu sehr brennt, der verbrennt auch schnell." Van Veen, der für die SPD im Gemeinderat von Bad Säckingen sitzt, sieht die Sache pragmatisch: "Den Menschen muss geholfen werden, weil sie da sind." Eine Willkommenskultur, die zu falschen und unrealistischen Erwartungen auf beiden Seiten führt, sieht er kritisch. Szenen, wie die auf dem Münchner Hauptbahnhof, wo ankommende Flüchtlinge mit Stofftieren freudig begrüßt wurden, hätten wie eine Einladung zur Flucht nach Deutschland gewirkt.

 

Nicht nur Traumatisierte

Unter den Schutzsuchenden seien aber nicht nur traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge. "Wie können wir sicher sein, dass unter ihnen nicht frühere Soldaten sind, die gefoltert haben?", fragt er und sagt: "Ein Flüchtling ist nicht automatisch ein guter Mensch." Es gebe nachvollziehbare Gründe, warum Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland kommen. Für die meisten Flüchtlinge, die nicht politisch verfolgt oder Kriegshandlungen ausgesetzt waren, gelte das Schutzsystem aber nicht. "Sie haben keine Chance auf ein Bleiberecht." Mit dem Rückgang der Flüchtlingszahlen ändern sich auch die Schwerpunkte von Refugees Integrated. Die Kleiderkammer ist verschwunden. Die von Felix Kromer koordinierten Helfergruppen konzentrieren sich auf die Integration der Menschen. "Wir versuchen, denen zu helfen, die bereit sind, sich im weitesten Sinne zu integrieren", beschreibt van Veen das System des Förderns und Forderns.

"Wir erwarten, dass unsere Regeln akzeptiert werden." Ein harter Kern von 20 bis 30 Helferinnen und Helfern unterstützt die Flüchtlinge bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und bei Behördengängen. Sie begleiten Schwangere bis zur Entbindung und helfen Kindern bei den Hausaufgaben. Nach wie vor sind Sprachkurse sehr wichtig. Ein neuer Kurs für Flüchtlinge, die aus dem Fördersystem gefallen sind, wird demnächst zusammen mit der Volkshochschule Wehr angeboten. Die Kosten übernimmt der Verein. Refugees Integrated erhielt viel Anerkennung, etliche Preise und zahlreiche Spenden, darunter eine Einzelspende von 10 000 Euro. Der Spendentopf ist immer noch gut gefüllt, so dass mit Hilfe des Vereins auch die Situation der Außenanlagen bei der Sammelunterkunft in der Gettnau verbessert werden soll. Geld des Vereins fließt außerdem in Lernmittel für Teilnehmer der Integrationskurse und für die Flüchtlingsklasse an der Hans-Thoma-Gemeinschaftsschule. Froh ist van Veen über die Spende von sechs ausrangierten Laptops des Scheffelgymnasiums. Sie sollen den Flüchtlingen im Jugendhaus zur Verfügung stehen.

 

Café als Dauerbrenner

Ein Dauerbrenner ist das Café International, an dem auch die Kirchen beteiligt sind und in dem sich einmal im Monat zwischen 50 und 100 Leute treffen. "Das funktioniert toll." Van Veen freut sich auch über die gute Zusammenarbeit mit Vereinen, Caritas und Diakonie und der Flüchtlingsbeauftragten des Landkreises Waldshut, Antje Maurer. Hilfreich sei außerdem das Jour fixe zum Erfahrungsaustausch mit der Stadt, dem Landratsamt und der Polizei. Ernüchterung und Frust seien in der Flüchtlingsarbeit nicht zu vermeiden. "Bei Leuten, die am Ball bleiben, merkt man aber, dass sie persönlich gewonnen haben", zieht van Veen eine positive Bilanz, die etliche Schutzsuchende einschließt, die sich bereits gut integriert hätten. Dass der Helferverein bald überflüssig wird, glaubt van Veen nicht. "Die Fluchtbewegungen werden auf absehbare Zeit nicht enden und Europa wird nicht zur Festung werden können."

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"Mittlerweile ist die wichtigste Aufgabe von Refugees Integrated die  Integration der Flüchtlinge."

Am 7. November 2016 führten drei Schülerinnen der 10. Klasse der Hans-Thoma- Gemeinschaftsschule in Bad Säckingen ein Interview mit  Frank van Veen, dem Vorsitzenden des Vereins „Refugees Integrated“, einer NGO (Non Government Organisation)

 

 

 

Schüler: Wie kam es zur Gründung des Vereins?

 

 

Frank van Veen: In Zeitungen und in den Nachrichten erfuhr ich, wie  die Situation der Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa immer gefährlicher wurde. Schließlich gründete ich zusammen mit einigen Gleichgesinnten im November 2014 die Organisation „Refugees Integrated e.V.“ Und aus einer zunächst kleinen Gruppe von Helfern entwickelte sich eine internationale Organisation mit zahlreichen Mitgliedern.

 

 

 

Schüler: Sind Sie mit dem Namen des Vereins „Refugees Integrated“ glücklich? Hätte es da keinen Namen in deutscher Sprache gegeben?

 

 

Frank van Veen: Weil  die Arbeit mit Flüchtlingen eine internationale Aufgabe ist, wählten wir einen international verständlichen Namen. Ich bin mit dem Namen unserer Organisation zufrieden.

 

 

 

Schüler: Was macht der Verein ganz konkret für die Flüchtlinge, die in Bad Säckingen untergebracht sind?

 

 

Frank van Veen: Wir bieten für die Bad Säckinger Flüchtlinge insgesamt zehn verschiedene Projekte an. Die wichtigsten dieser Projekte sind: Sprachkurse, ein Kindergarten, Sportaktivitäten, persönliche Betreuung und Hilfe bei Behördengängen.

 

Anfänglich ging es hauptsächlich um die Erstversorgung der über 400 Flüchtlinge mit Kleidung und Dingen für den Alltag. Mittlerweile ist die wichtigste Aufgabe von Refugees Integrated die  Integration der Flüchtlinge. Viele  der Flüchtlinge in Bad Säckingen sind inzwischen als Asylbewerber anerkannt, jetzt muss hauptsächlich bei der  Wohnungs- und Arbeitssuche und beim weiteren Erlernen der deutschen Sprache geholfen werden.

 

 

 

Schüler: Wie beurteilen Sie die Unterbringung der Flüchtlinge in den Containern an den Langfuhren und im Wohnheim in der Gettnau?

 

 

Frank van Veen: Die Container an den Langfuhren sind zwar kleiner als das Wohnheim an der Gettnau, aber im Vergleich zu ihrer bisherigen Wohnsituation in den Kriegsgebieten haben es die Bewohner deutlich besser. Statt Container sollte man die Unterkünfte passender als vorgefertigten Wohnraum bezeichnen, denn es ist alles dort, was sie benötigen.

 

 

 

Schüler: Die meisten Bewohner der beiden Flüchtlingsunterkünfte leben etwas mehr als ein Jahr in Bad Säckingen. Wie sieht es mit deren Integration aus?

 

Frank van Veen: Viele konnten sich sprachlich sehr gut integrieren und fanden teilweise sogar eine Arbeit. Einige sprechen unsere Sprache jedoch auch nach zehn Monaten noch immer nicht ansatzweise und zeigen auch nicht die nötige Motivation, um sich zu integrieren.

 

 

 

Schüler: Wie sind die Zukunftsperspektiven der Flüchtlinge? Können sie hier in Deutschland auf Dauer bleiben?

 

 

 

 

Frank van Veen: Diejenigen, die in ihren Herkunftsländern nicht verfolgt worden sind und dadurch kein Bleiberecht haben, müssen auf jeden Fall zurück in ihr Heimatland gehen. Allerdings wollen viele Flüchtlinge trotz des  Bleiberechts zu ihren Familien zurück.

 

 

 

Schüler: In Ihrer Arbeit gab es doch sicherlich auch ganz persönliche emotionale Erlebnisse positiver und negativer Art. Können sie welche nennen?

 

 

Frank van Veen: Ein sehr positives Erlebnis war für mich, dass ich von einer Gruppe Flüchtlingen zu traditionellen Speisen eingeladen wurde und sehr herzlich empfangen und bewirtet wurde.

 

Negativ aufgefallen ist mir, dass unter den Flüchtlingen einige wenige Kriminelle sind. Sie werfen ein schlechtes Bild auf die vielen anständigen Flüchtlinge. Glücklicherweise hatten wir in Bad Säckingen kaum größere Probleme.

 

 

 

Schüler: Sie wurden für Ihr Engagement gewiss schon oft gelobt und sogar auch schon mit einem Preis ausgezeichnet. Kam es auch zu persönlichen Anfeindungen?

 

Frank van Veen: Ich selbst wurde nicht angefeindet, Kollegen jedoch schon.

 

 

 

Schüler: Abschließend möchten wir noch Ihre Meinung zum berühmten Ausspruch der Bundeskanzlerin Angela Merkel vom vergangenen Jahr „WIR SCHAFFEN DAS“ wissen.

 

Frank van Veen: Ich fand diese Aussage leichtfertig und nicht richtig durchdacht. Vor einer solchen Aussage hätte man sich EU weit beraten müssen. Denn für viele Flüchtlinge wirkte es wie eine Einladung.

 

 

 

 

Das Interview wurde geführt von

Anne Fingerlin, Janina Marelja und Chiara Riedl von der 10. Klasse der Hans-Thoma-Gemeinschaftsschule, Bad Säckingen.

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Der folgende Leserbrief erschien als Reaktion auf die Berichterstattung in der Badischen  Zeitung und des Südkuriers.

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